Montag, 12. Dezember 2011

Wie Sardinen in der Büchse


Kürzlich haben wir uns gefragt, was Indien eigentlich von all den anderen Ländern unterscheidet, die wir bis jetzt bereist haben. Die Antwort ist ziemlich simpel: So viele Menschen wir hier hat es sonst nirgends. Indien zählt 1,2 Milliarden Einwohner und Wissenschaftler sagen voraus, dass Indien China spätestens im Jahre 2045 als bevölkerungsreichstes Land der Welt ablösen wird. Indien ist bereits heute die Heimat von 18% der Weltbevölkerung, zusammengepfercht auf nur 2,5% der Erdoberfläche. Kein Wunder also, erinnern die Platzverhältnisse hier mehr an Sardinen in der Büchse als an Goldfisch im Öko-Grossraum-Aquarium.  Jede Stadt im Land, die etwas prosperiert, zählt schnell mehrere Millionen Einwohner und verwandelt sich in ein lautes und stinkendes Ungeheuer mit Verkehrsstaus, die regelmässig ganze Stadtteile lahmlegen. Diese unglaubliche Masse an Menschen bekommen wir jeden Tag zu spüren, wenn‘s wiedermal darum geht, den richtigen Zug oder Bus zu finden oder sich durch einen vollgestopften Markt zu kämpfen. Obwohl wir nun längere Zeit durch den sehr touristischen Staat Rajasthan gereist sind, sehen wir, ausser im direkten Umkreis von den grössten Sehenswürdigkeiten, selten andere Reisende aus westlichen Ländern. Sie sind nun sogar für uns eine Attraktion, diese Backpacker. „Wow, schau mal. Dort läuft ein Tourist!“
Nach weiteren Orten in Rajasthan mit imposanten Festungen und Palästen landeten wir schlussendlich in Udaipur, unter anderem Schauplatz des Anfangs 70er gedrehten James Bond Films „Octopussy“. Im Touristenviertel der Stadt wird diese Ehre jeden Abend zelebriert, in dem sie in praktisch allen Restaurants den „Octopussy“- Streifen vorführen. Wenn man ein paar Tage dort bleibt, kann man einzelne Dialoge bereits auswendig nachsprechen, da man jeden Abend „gezwungen“ wird, den Film zu schauen. Begleitet werden die 007-Vorführungen jeweils durch Feuerwerke und laute Musik oder Trommler/Bläser-Kapellen, alles über die ganze Stadt verteilt. In dieser Jahreszeit werden nämlich die meisten Hochzeiten gefeiert, an grösseren Orten können das mehrere hundert Feste pro Tag sein. Diese machen mit Böllern und Feuerwerk auf sich aufmerksam und ziehen in ohrenbetäubenden Prozessionen durch die Gassen. Sehr farbenfroh und unterhaltsam. In Anbetracht dessen, das eine Hochzeit normalerweise mehrere Tage dauert, kann sich mit der Zeit aber auch eine gewisse „Fest-Müdigkeit“ einstellen.
Nach der Touristenhochburg Rajasthan hatten wir nun etwas genug von Souvenirshops und –bazaren und machten uns auf in den Staat Gujarat, der einiges weniger gut erschlossen und westliche Touristen eher die Ausnahme sind. Dort stand wieder einmal eine Wildlife-Safari auf dem Programm und wir erspähten in den frühen Morgenstunden doch prompt eine fünfköpfige Löwenfamilie. War ein mulmiges Gefühl, zehn Meter entfernt von grimmig dreinschauenden Löwen in einem offenen Jeep zu sitzen. Für das dass sie Katzen sind, sind diese Tiere schon ziemlich gross…

Der flötenspielende Schnauz

Das imposante Mehrangarh-Fort in Jodhpur

Affen, unsere treuen Begleiter, Tag und Nacht

Ein weiteres anschauliches Beispiel aus der Reihe „Schweine in Indien“

Organisiertes Chaos beim örtlichen Schuhmacher

Udaipur by night

Man beachte das weisse Hotel im See am rechten Bildrand: das Headquarter von Octopussy

Der ehrfürchtige Maharadscha von Udaipur, Rogerstan III.

Ein köstlicher Aufenthalt bei einer Familie in Sasan Gir. Auf dem Tisch ein vielfältiges Thali-Gericht

Auf dieses Bild sind wir stolz: Junger Löwe im Morgengrauen

Der farbenprächtige Kingfisher-Vogel

Sonntag, 27. November 2011

Indien – die tägliche Achterbahnfahrt zwischen Himmel und Hölle


Nach dem Abschied von Adrienne und Boris, die direkt nach Südindien flogen, nahmen wir die Landeshauptstadt Neu Delhi etwas genauer unter die Sonnenbrille. Wir durften mit einem ehemaligen Strassenkind durch die Hintergassen der Stadt spazieren und er zeigte uns eindrücklich auf, wie die heutigen Strassenkinder Neu Delhis ihren Lebensalltag meistern und versuchen, über die Runden zu kommen. Wenn sie nicht in der Prostitution landen, verdienen sie ihr Geld oft damit, recyclierbaren Abfall zu sammeln. So können sie pro Tag bis zu 4 Fr. verdienen, was in Indien bereits ein Heidengeld ist. Auf unsere Frage, was er denn damals mit dem Geld gemacht hat, antwortete er: „Ich habe mir Essen gekauft und dann das Kino besucht“.
Nach der chaotischen Stadt Neu Delhi reisen wir nun durch den Staat Rajasthan, der berühmt für seine wunderschönen Paläste und Forts ist. Diese Festungen auf Hügeln oder in der Wüste sind tatsächlich sehr imposant und in dieser Umgebung kann man sich gut die vergangene Blütezeit der Maharadschas vorstellen. Bei der Besichtigung der Bauwerke haben wir eine neue Liebe entdeckt: die Audio-Guides. Bewaffnet mit Kopfhörern und Abspielgerät nutzten wir wenn immer möglich dieses coole Angebot, flätzten uns gemütlich in eine Palastecke und hörten den spannenden Erzähl-, Erklär-, Darstell- und Schilderungen der Männer und Damen in unseren Ohren zu. Halt wie früher der Trudi Gerster im Märli-Telefon in der Bank Linth oder im Sonnenhof-Schuhladen. Der bisherige Höhepunkt in Rajasthan war ein zweitägiger Kameltrip in der Thar-Wüste. Uns schmerzt zwar noch immer etwas der Hintern, die Übernachtung unter freiem Himmel, mitten auf Sanddünen, hat jedoch locker dafür entschädigt.
Unterwegs sind wir meistens mit dem Zug. Die Bahn-Infrastruktur hier ist sehr gut ausgebaut (ein löbliches Vermächtnis der ehemaligen britischen Kolonialmacht) und man kann die Sitz- oder Liegeplätze bequem im Internet vorreservieren. Dummerweise sind die begehrtesten Plätze oft mehrere Wochen im Voraus ausgebucht, was uns leider manchmal dazu zwingt, auf den Bus umzusteigen.
Das Reisen in Indien ist wie eine Achterbahnfahrt der Gefühle. An den einen Tagen haben wir super Gespräche mit Indern, die sich für unser Leben in der Schweiz interessieren und uns ihre Weisheiten verraten. Dieses Hochgefühl wird dann jedoch oft wieder zunichte gemacht von schlechten Erfahrungen mit Abzockern, wenn Abmachungen nicht eingehalten werden oder einfach durch das offensichtliche und oft belästigende „Angestarrt-werden“ (oder sogar „Fotografiert-werden“)  beim Spazieren durch die Strassen. Das richtige Einschätzen der Personen und Situation ist für uns daher sehr anspruchsvoll, und wir nehmen bedauerlicherweise oft eine zu kritische oder ablehnende Haltung gegenüber Indern ein, die uns auf offener Strasse ansprechen. Ein Paradebeispiel ist die Begegnung mit einem jungen Inder, für den wir für seine Geliebte in Berlin einen Liebesbrief auf Deutsch verfassten. Als Dank für unsere Übersetzungsdienste lotste er uns in den Juwelierladen seines Kollegen, bot uns Tee an und wollte uns ein Ketteli schenken. Was hättet ihr in dieser Situation gemacht? Diese klassische Touristenfalle (Kollegen-Juwelierladen, mutmassliche Gratis-Geschenke, mögliches Schlafmittel im Tee) machte uns natürlich sehr suspekt und wir waren übervorsichtig in unserem Handeln. Am Schluss hat sich alles als ein aufrichtiges Dankeschön herausgestellt, die Ketteli haben wir jetzt noch am Arm, mussten nichts kaufen und der Tee schmeckte vorzüglich. Einzig der Inder war ab unserem reservierten Verhalten enttäuscht, meinte, wir hätten keine offenen Herzen und fühlte sich persönlich angegriffen, als wir ihm unsere negativen Erlebnisse mit Einheimischen schilderten. Ein anderer Inder meinte in einem Gespräch, dass die Touristen halt total selber schuld sind, so oft abgezockt zu werden, da sie ja „ihr Geld wie Toilettenpapier benützen“. Aus Angst vor negativen Situationen sehe er sie oft „wie Roboter in der Gegend herumlaufen“. Und in seinem Land schauen die Touristen ja oft nur Bauwerke an, als ob sie „mit den Wänden reden könnten“. Daher müssten Reisende doch mit Einheimischen reden, nur so lernen sie das wahre Indien kennen. Wo er recht hat, hat er recht. Und doch ist es nicht so einfach…

Wenns nicht ins Kino geht, dann zu den Spielautomaten - Spielhalle direkt neben einer Abfallabgabestelle, die den Strassenkindern ihr Geld auszahlt

Finde Roger...
Besuch beim Salaam Baalak Trust, einer NGO, die Strassenkinder unterstützt

Beim Moscheenbesuch muss sich Melanie manchmal verhüllen, was dann meistens ziemlich schick aussieht

Alltagsbild in Indien

Lange suchten wir sie, nun endlich gefunden - die Schlangenbeschwörer

Einer der wunderschönen Paläste in Jaipur, der rosaroten Stadt

Das imposante Amber Fort

Blick von der Wüstenfestung in Jaisalmer

Ali und Salim bereiten unseren Zmittag vor

Ein Fotoparadies - die Thar-Wüste

Die Kamele hatten einen ziemlichen Zug drauf...

Die Kehrseite der Wüstenmedaille - in der Nacht ist es saukalt